Erzählungen

Es war warm und ab und zu gab es ein Gewitter. Hagelkörner kamen auch noch herunter. Allerdings war das Wetter noch nie wichtig für mich gewesen, wohl die bildende Kunst. Bis jetzt begleiteten diese Kunst und auch die Musik mich immer. 

Anfang Juni 1979 besuchte ich Süd-Limburg in den Nieder-landen. Ich machte dort Urlaub und wollte Pinkpop miterleben. Eine sehr hübsche, junge und warmherzige Frau traf ich dort. Sie erzählte mir, dass sie eine gebürtige Kölnerin war und dass sie dort noch immer wohnte. Es klappte sofort besonders gut zwischen uns beide. Und wir verabredeten uns schon schnell, zusammen das Musikfestival Pinkpop in Geleen zu besuchen, denn wir beide hatten schon unsere Eintrittskarten im Vorverkauf bekommen. Zusammen zu gehen würde doch viel schöner sein. 

Sie wollte am liebsten Peter Tosh hören. Mich interessierte Dire Straits mehr. Aber, es lief ganz anders. Beide Musiker spielten ausgezeichnet, aber die Musik von The Police brachte uns den Himmel voller Gitarren … Ja, wir waren begeistert von: “I Can´t Stand Losing You”, “So Lonely”, “Hole in My Life”, “Message in a Bottle” … aber am besten fanden wir “Roxanne”. Wir wurden von diesem Lied gerade zu den Haufen geworfen.

Ja, warum genau The Police! Wir fühlten uns als ob wir zu Hause angekommen waren. Durch diese Musik waren wir von Unbekannten plötzlich zu Bekannten geworden. Und es wurde noch viel schlimmer.

Ich verlor diese deutsche Frau nicht mehr aus dem Auge. Wir tanzten voller Energie zusammen, fühlten uns eng und leidenschaftlich miteinander verbunden. Da machten mich vom Blitz getroffen, die Musik und die Verliebtheit mich total verrückt.  Ohne diese Erfahrung wäre ich bestimmt ein anderer Mensch geblieben.

Ich dachte:

“Wie soll das weitergehen?”

Spät abends, als wir zurück zu meinem Hotel gingen, sangen wir ununterbrochen:

“Roxanne, you don´t have to put on the red light

Roxanne, you don´t have to put on the red light 

Roxanne, you don´t have to put on the red light …”

Ich erklärte ihr spontan und von ganzem Herzen, dass ich sie sofort liebte, als ich sie zum ersten Mal sah. 

“Und ich möchte dich nicht mit einem anderen Mann teilen,” fügte ich noch schnell dazu.

Sie guckte mich sehnsüchtig an, als ob sie mit mir tausend Ozeane überqueren möchte. Als wir danach noch nicht so lange in meinem Hotelzimmer waren, fing sie sofort an, mich ununterbrochen zu knutschen und flüsterte mir ins Ohr:

“Falls ich eins ein Kind bekommen möchte, dann würde ich dich als den geeigneten Erzeuger auswählen.” 

Dann sagte sie eine Weile nichts mehr. Nach einiger Zeit sagte sie mir ganz leise ins Ohr: 

“Und würde es ein Mädchen sein, dann würde ich es Roxanne nennen.” 

Ich hatte nichts dagegen und sagte ihr:

“Das ist ja deine Sache, denn ich würde ja nur der Erzeuger sein!”

Gegen ihre Verführungskraft war ich machtlos. Mit einer Geschwindigkeit eines Eilzuges zog sie mir die Klamotten vom Körper und eben später war sie auch ganz nackt. Da lagen wir dann, so nah aneinander. Näher war unmöglich. Sie verzauberte mich total. Alles was sie machte war reine Magie. Bei jeder Bewegung, bei jedem Atemzug ihrerseits spürte ich mein Herz intensiver schlagen. Ich sehnte mich immer mal wieder stark nach ihrer kräftigen Umarmung. Es fühlte sich an, als ob wir Geister in einer spirituellen Welt geworden waren. Soweit ich noch im Stande war zu denken, dachte ich:

“Ohne sie kann ich nicht mehr weiterleben.”

Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, war sie nicht mehr da. Sie war verschwunden. Das Bett war ohne sie viel zu groß geworden. Das Fenster stand auf und ein sanfter Wind wehte durch das Zimmer. Am liebsten hätte ich weitergeschlafen, aber das gelang mir nicht mehr. Ich wollte wissen wo sie hingegangen war. 

Ich stand auf und sah auf dem Tisch einen Zettel liegen. Darauf hatte sie geschrieben:

“Ich danke dir. Mit niemandem habe ich bis jetzt so etwas erlebt. Ich werde dich vermissen und niemals vergessen. Nichtsdestoweniger ist es besser so. Nochmals vielen Dank.”

Ihr Name stand nicht auf dem Zettel. Und eine Adresse darauf zu schreiben, daran hatte sie auch nicht gedacht. Sie hatte mir erzählt, als wir einander kennen gelernt hatten, dass sie Maria hieß. Aber vielleicht hatte sie einen ganz anderen Namen. Da stand ich dann mit einem versteinerten Herzen und ich fühlte mich so einsam, so einsam, so einsam … 

Das was passiert war, davon verstand ich überhaupt nichts. Als ob ein Loch in meine Seele geschleudert worden wäre und ich wusste nicht wie ich es heilen konnte. Meine Welt lag in Trümmern. Am liebsten wäre es für mich sofort wieder dunkel geworden. Das Tageslicht konnte ich nicht mehr ertragen. 

“Lass es doch Nacht werden,” sprach ich mir selbst zu.

Sie war gegangen und ich musste irgendwie weiter machen. Die Tage, die ich noch in Süd-Limburg verbrachte, dauerten für mein Gefühl tausend Jahre. Wie konnte ich ohne sie noch weiterleben. Eine Antwort darauf bekam ich nicht. Ich fühlte mich so im Stich gelassen, so im Stich gelassen, so im Stich gelassen … Und in meinem Kopf spielte The Police unausgesetzt: 

“So lonely, so lonely, so lonely …”

Dann am vorletzten Tag meines Urlaubes sprach eine Stimme in meiner Seele und sagte: 

“Besuch die Verstorbenen:”

Im Hotel erkundigte ich mich, wo hier in der Nähe ein Friedhof war. Man erzählte mir, dass nicht weit entfernt der amerikanische Kriegsfriedhof “Margraten” lag. Fast den ganzen Tag lief ich dort, wie in einer menschenleeren Wüste, herum.  Als meine Beine versagten, fing ich an zu halluzinieren.           

In einer Flugmaschine zerbombte ich im zweiten Weltkrieg Köln. Die Maschine wurde heruntergeschossen. Mit meinem Fallschirm landete ich dort sicher in den Armen einer sehr hübschen, jungen, warmherzigen Frau. Ich konnte bei ihr ohne Probleme sofort untertauchen. So wurde ich von ihr im Krieg gerettet und überlebte ich ihn. Wir liebten einander lebenslang leidenschaftlich und wir blieben immer glücklich zusammen.

Ein Friedhofsgärtner fand mich über einem der tausend Kreuze hängend. Er brachte mich freundlicherweise Arm in Arm zum abgeschlossenen Ausgang. Es war schon längst 17.00 Uhr gewesen. Um diese Zeit ging immer die Pforte zu. Wie ich mein Hotel erreichte, weiß ich bis jetzt nicht mehr genau. Ich glaube, dass der Gärtner mich in seinem Auto zurück ins Hotel gebracht hatte.

Und ich konnte es immer noch nicht verstehen, dass sie mir nach solch einer Nacht so schnell, während ich schlief, abhandengekommen war.

Wie unterschiedlich alte Friedhöfe sein können, entdeckte ich auf meinen Reisen im Deutschland. Und wegen meiner Arbeit war ich dort genug unterwegs. Ich besuchte dann oft Dome und Friedhöfe, zum Beispiel jüdische Friedhöfe. Einen größeren Unterschied zwischen dem in Neviges und dem in Worms hatte ich noch niemals erlebt.

Als ich den Mariendom in Neviges – den eindrucksvolle, klotzige Gottfried Böhm Betonbau, aber innerhalb dieses Domes herrscht immer eine atemberaubende Atmosphäre – besucht hatte, musste ich noch einen langen Spaziergang machen, um den jüdischen Friedhof dort zu erreichen. Durch die Innenstadt wanderte ich und kam durch die Unterführung der Bahnstrecke Wuppertal-Essen auf der Donnenberger Straße aus. Bei „Unter Lünes“ verließ ich diesen Weg und nahm die Alaun-Straße. Nach so ungefähr fünfhundert Metern bog ich links ab in Richtung Zwingerberger Weg. Als ich nach einiger Zeit auf den Wanderweg kam, musste ich noch zehn Minuten gehen. Unterwegs genoss ich den      außergewöhnlichen  Ausblicke – mit der Windrather Kapelle in der Ferne.

“Wie reizvoll ist hier das Niederbergische Land,” dachte ich damals.

Und dann, mitten im Kuhlendahl, nicht weit weg von Halfmannsberg, lag der jüdische Friedhof. Ich wäre fast daran vorbeigelaufen. Unter Stacheldraht hindurch kam ich auf den völlig verwahrlosten, ungepflegten Friedhof. Gras und Unkraut wucherten überall und viele Grabsteine konnten jederzeit herunterstürzen. Es wurde mir sofort klar, dass hier nicht viele Leute mehr hinkamen. Ich setzte mich in voller Stille hin und verblieb da mindestens eine Stunde, tief in mir selbst versunken.

Ich verließ den Friedhof und ging weiter und erreichte nach einer Viertelstunde die Bernsaustraße.  Entlang der Kläranlage lief ich und so kam ich wieder in Neviges an. Ich war zu lange auf dem Friedhof gewesen und hatte keine Zeit mehr, um Schloss Hardenberg zu besuchen, denn ich wollte die nächste S-Bahn erreichen. Das klappte und ich fuhr zurück in Richtung Köln. In Vohwinkel stieg ich um. 

Wie anders war es auf dem gepflegten Wormser Friedhof “Heiliger Sand”. In Worms musste ich nicht einen langen Rundgang, wie in Neviges, machen. Nein, der Bahnhof, der jüdische Friedhof und der Dom „Sankt Peter“ liegen nicht weit voneinander entfernt. Über die Bahnhofstraße erreichte ich schon ganz schnell den “Heiligen Sand.” Lange war ich da nicht, denn ein Lärm von Mäh- und anderen Maschinen hießen mich auf dem Friedhof unfriedlich willkommen. Dutzende von Friedhofsarbeitern waren beschäftigt den Friedhof gepflegter zu machen. Ich lief da noch nicht eine Viertelstunde herum und entfloh dann mit einem unerträglichen Krach in meinem Kopf   den Friedhof. Ich brauchte Ruhe und über die Andreasstraße erreichte ich schnell den Dom. Und als ich drinnen war, setzte ich mich sofort irgendwo hin. Ich konnte es nicht fassen, dass ich ausgerechnet auf dem “Heiligen Sand” war, als da so viele Arbeiter ihre Arbeit erledigen mussten. 

Mein Kopf wollte nicht zur Ruhe kommen und vieles flog hindurch:

“Im Staub versunken und das Tier verschwand in die Kälte. Dünne Luft umkreisten die grauen Wände. Aufrecht gehen war ein beispielloser Versuch, sich selbst nicht zu verleugnen. Schweigende Steine, die eine Gruft installierten, unter Mengen von Vorwürfen. Stille, Stille auf dem Pfad der Leugnung. Sie klammerte sich fest wie eine Blume der Unglückseligkeit. Spring, spring und werde federleicht. Kreuzende Wege wurden von Fahrzeugen weitergetrieben, bis die Feierlichkeiten wie Fruchtfleisch im Trichter verschwanden. Unerschütterlich schuftete er weiter, bis die stillen Figuren nicht mehr atmeten. Tiefes Wasser mit Beamten, wie schleichende Entbehrungen der verlockenden Ruderboote …”

Ich brauchte diese Technik der Sätze-Bildung, als ich enttäuscht war, unter Druck gelangte, nervös, oder aufgeregt wurde. Und ich kam zur Ruhe, als ich diese Technik anwendete. Oft passierte es, dass die Worte ganz normal bei mir hochkamen und ich einen Stift und Papier brauchte, um alles schnell aufzuschreiben. Ich gewöhnte mich daran, immer dieses Zeug bei mir zu haben.

Nach einer Ewigkeit verließ ich den Dom, ohne mir bewusst zu sein, was ich darin an Sehenswürdigkeiten verpasst hatte. Als ich dann draußen war, hatte ich gar kein Interesse mehr, mir das Lutherdenkmal anzuschauen. Ich beeilte mich, den Bahnhof zu erreichen. Da musste ich noch eine Zeit lang warten, bis ich den Zug Richtung Heidelberg bekommen konnte. Und als ich mich gar beim Angucken der Werbeplakate ablenken wollte, fing es in meinem Kopf schon wieder an zu krachen. Ich versuchte sofort, den Strom der Sätze aufs Neue aufrechtzuhalten. Das geling mir mit Mühe. Glücklicherweise bemerkte ich, dass der Zug eingefahren war und ich stieg sofort ein. Um Heidelberg zu erreichen musste ich in Mannheim umsteigen.

Ich stand damals im Zelt und wurde völlig überrascht. In diesem Zelt flogen Vögel herum und man konnte sich Filme anschauen. Vor noch nicht so langer Zeit hatte ich die Einladung für ihre große Ausstellung bekommen. Da ich der Eröffnung nicht beiwohnen konnte, besuchte ich die Ausstellung ungefähr eine Woche später.

Sie war eine hervorragende und berühmte Künstlerin, hatte im In- und Ausland ausgestellt. Die Kritiken über ihre Arbeiten waren immer lobend.  Ein Kritiker hatte mal behauptet, dass sie bald die berühmteste Künstlerin der Welt werden könnte.

Ich kannte sie schon jahrelang. Irgendwann hatten wir uns auf einer ihrer Ausstellungen getroffen. Sie erzählte mir damals:

„Mein Leben ist Kunst und meine Kunst ist Leben.“

Weiter erfuhr ich, dass sie schon fünf Kinder hatte. Eigentlich war da etwas falsch gelaufen. Die Kinder hatten unterschiedliche Väter. Sie hatte das so für sich selbst bestimmt. Jedoch von einem Mann hatte sie zwei Kinder bekommen. Das war nicht in Planung gewesen. Selbst hatte sie alle Kinder großgezogen, natürlich mit Hilfe von anderen Personen.

Sie bat mich einmal sehr dringend, als ich sie in ihrem Atelier später besuchte, ob ich nicht mit ihr ein Kind zeugen möchte. Sie versuchte mich mit allen Mitteln an sich zu ziehen und wollte sofort etwas mit mir unternehmen. Nach ihrer Meinung war die Couch in ihrem Atelier dafür hervorragend geeignet. Unterdessen hatte sie mich losgelassen und angefangen sich auszuziehen.

Schnell machte ich ihr klar, dass mir so etwas nicht gefiel. Teilte ihr augenblicklich mit, dass ich ausgebildeter Kunsthistoriker und jetzt Kunstvermittler und Kunstkritiker sei und überzeugt von bestimmten Prinzipien. Einige davon lauteten, dass ich Distanz zu Künstlern und Künstlerinnen bewahrte und weiter, dass ich kein Teil eines Kunstwerkes werden wollte. Sie sollte Verständnis für mich haben, dass ich nicht auf ihre Einladung eingehen würde.

Ihre Augen hatten soeben noch wunderbar geglänzt, aber nun standen sie weit offen. Sie wusste eine Zeit lang nichts zu sagen. Ich glaubte, dass sie so etwas noch niemals in ihrem Leben mitgemacht hatte. Solch ein Angebot von ihr hatte sich ein potenter Mann noch nie verweigert. Sie wurde ja von vielen Männern begehrt. Sie, die wollüstige, eigensinnige Künstlerin bekam jetzt nicht, was sie wollte. Sie bekam doch immer was sie sich in den Kopf gesetzt hatte und nun dies!

Ich sagte ihr:

„In der wahren Kunst kann es mal passieren, dass etwas nicht klappt. Aus solch einer Erfahrung konnte, jeder Künstler und jede Künstlerin etwas lernen.“

Sie musste darüber nachdenken und sagte mir nach einiger Zeit:

„Ich werde diese Sichtweise nicht vergessen. Enttäuschungen gehören ja auch zum Leben. Jedoch ich habe sie noch nicht so in meinem Leben mitgemacht. Ich habe bis jetzt alles bekommen, was ich wollte. Ich wollte schon ganz früh eine berühmte Künstlerin werden und viele Kinder gebären. Ich habe daran tüchtig gearbeitet.“

Ich glaubte das gerne. Denn sie erzählte mir, dass die Väter ihrer Kinder einflussreiche Männer waren. Ich hatte nicht das Bedürfnis sie zu fragen, wer diese Männer waren. Dachte, dass sie nicht nur über diese Männer so berühmt geworden war. In ihr steckten auch wahnsinnig schöpferische Kräfte.

Sie fing sofort an mich von ihrer Kunst zu begeistern:

„Auf der Kunstakademie habe ich gezeichnet und gemalt. Es war nicht mein Ding. Farbe kann man ja benutzen zum Anstreichen von Fensterrahmen, aber damit malen, nein, das verstand ich nicht. Und zeichnen bedeutete für mich nur Entwürfe für Gebäude, für Städte … zu machen.

Nein, ich war mir ganz schnell bewusst, dass ich körperlich aktiv sein musste. Bildhauerei wäre vielleicht etwas für mich gewesen, dachte ich so. Das war es jedoch auch nicht.

Glücklicherweise gab es auf der Kunstakademie einen Professor, der draußen in der Natur arbeitete. Er grub in der Erde und machte damit wunderliche Skulpturen. Ließ Wasser über Naturobjekte fließen und bestreute die auch mit unterschiedlichen Samen.

Er und ich spürten sofort etwas für einander und es wurde eine fruchtbare Zusammenarbeit. Er beeinflusste mich ziemlich, aber letztendlich ging ich meinen eigenen Weg.“

Ich wusste schon schnell wie dieser Weg aussah, denn ich redete noch sehr oft mit ihr und besuchte so ungefähr all ihre Ausstellungen und ab und zu hielt ich die Eröffnungsrede.

Sie grub und säte nicht so wie ihr Professor. Wenn sie grub, dann wurden ihre Skulpturen meistens kleiner und weiblicher. Es konnte passieren, dass sie auch mal erstaunlich groß wurden. Sie benutzte andere Samen und auch Tiere. Ihrer Ansicht nach waren Maulwürfe richtige Mithelfer für sie und ihre tierischen Mithelfer wuchsen immer mehr: Bienen, Hühner, Ziegen, Hunde …

Sie machte Klanginstallationen mitten in Museen und die wurden immer größer. Letztendlich standen da ganze Gerüste. Mit Planen abgedeckt. Sie hatte keine Mühe, Assistenten und Assistentinnen zu bekommen, um auf den Gerüsten mitzuhelfen. Am liebsten würde sie dann, dass ganze Museum entweder umbauen oder abreißen.

Es passierte, dass sie während einer ihrer Ausstellungen in Deutschland ein Fenster im Dach des Museums baute. Sie hatte, ihrer Meinung nach, mehr Tageslicht gebraucht und sie wollte eine Farbinstallation errichten. Sie hatte das natürlich schon längst vorher geplant und mit dem Kultur und Kunstdezernent alles besprochen. Er war wild begeistert von ihrem Plan.

Sie hatte sich die Bauzeichnungen des Museums zuschicken lassen. Ein bekannter Sachverständiger hatte genau die Größe für das neue, zu installierende Fenster ausgerechnet. Danach hatte sie einen bunten Entwurf für ein Glasfenster gemacht. Alles wurde nach den Regeln der neusten Technik zusammengefügt. Letztendlich kam alles in trockene Tücher.

Schon schnell wurde das Gerüst abgerissen und irgendwo anders im Museum aufgebaut. Danach fing das ganze Theater mit den Behörden an. Das Baudezernat meinte, dass das Fenster sofort entfernt werden müsste, denn es war nicht genehmigt worden. Das Kultur und Kunstdezernat meinte das Entgegengesetzte. Kunst dürfte nicht zerstört werden. Das war in der Geschichte Deutschlands eins auf schlimme Art und Weise passiert. So etwas brauchte man nicht zu wiederholen. Letztendlich standen die Fronten hart gegenüber einander. An der Seitenlinie genoss die Künstlerin am meisten davon.

„Das ist ja Leben, das ist ja Kunst,“ sprach sie dann lautstark zu mir.

Eine Kommission wurde schnell gebildet, um das Ganze zu beruhigen und zu einer Lösung zu kommen. Ich kam als Vertreter der Künstlerin in diese Kommission. Zugunsten von ihr wurde alles geregelt.

Verabredet wurde, dass das Fenster in Zusammenarbeit von Baudezernat und, Kultur und Kunstdezernat feierlich, während der Ausstellungsdauer, eingeweiht werden sollte. Das Baudezernat wurde verpflichtet eine Sofortgenehmigung für das Fenster zu erteilen.

Bevor die Dezernenten sich einigten, verging einige Zeit. Der Baudezernent wollte genau so lang reden wie sein Kollege.  Diese Person fand das nicht so schlimm, aber sagte dies nicht. Er schlug vor, dass es vielleicht viel besser wäre, dass sie sich würden vertreten lassen. Wir könnten ja jemanden aus unseren Ämtern vorschlagen. Innerhalb von zwei Tagen müsste das geregelt sein. Damit waren beide einverstanden.

Der Kultur und Kunstdezernent hatte für solche Fälle immer eine Stellvertreterin. Das wurde nun auch schnell geregelt. Sie war seine Kultur und Kunstamtsleiterin. Eine junge, hochbegabte, bescheidene und promovierte   Kunsthistorikerin, also eine deutsche Kollegin von mir. Wir kamen gut miteinander klar.

Der Kultur und Kunstdezernent war mit dem richtigen Parteibuch weit hochgekommen. Er erzählte oft, dass er von Kultur und Kunst keine Ahnung hatte. Das war nicht so schlimm, denn dafür hatte er ja das richtige Personal im Hause und die Kultur und Kunstamtsleiterin war sein Liebling.

Seine Kollegen kannten ihn als einen schlauen Vogel. Er hatte überall seine Kontakte, konnte mit jedermann und -frau reden, aber sagte nicht zu viel und auch nicht zu wenig. Früher war er ein bekannter Fußballspieler in der Stadt gewesen. Er war also ein Junge der Stadt und hatte dort Karriere gemacht. Mindestens zehn Jahre war er nun Dezernent und war in seinem Amt nicht wegzukriegen.

Das mit dem Fenster war für ihn eine hervorragende Gelegenheit, um seine Stadt in die Schlagzeilen der Medien zu bekommen. So etwas roch er auf Distanz.

Für ihn war das Marketing und die Promotion der Stadt am wichtigsten. Er wollte dafür einmal ganz gerne ein Dezernat gründen und wollte davon dann Dezernent werden. Eine Mehrheit im Stadtrat dafür bekam er nicht. Auch wollte er vor einigen Jahren Oberbürgermeister der Stadt werden, aber das ging völlig schief. Nachher konnte er schadenfroh miterleben, dass der Kandidat seiner Partei bei den Wahlen verloren hatte. Er blieb schön Dezernent.

Sein bester Freund, der Kämmerer der Stadt sagte ihm, dass er noch Geduld haben müsse:

„Eines Tages wirst du bestimmt Oberbürgermeister, aber nicht hier, sondern in einer anderen Stadt.“

Der Baudezernent war ein ganz anderer Typ. Er war mehr ein Techniker und Paragraphen-Idiot. Er hatte so viel zu tun, dass er keine Zeit zum Finden eines Stellvertreters hatte. Im Bauamt arbeiteten kaum Frauen, sonst hätte er vielleicht eine Stellvertreterin ins Museum geschickt.

So kam es, dass nur die Kultur und Kunstamtsleiterin zur feierlichen Einweihung des Fensters im Museum redete. Sie machte das in Anwesenheit von vielen Menschen so ausgezeichnet, dass ich ihre Rede, die sehr inspirierend war, nie vergessen werde.

Sie erzählte den Anwesenden über Joseph Beuys, der am Ende des Jahres 1978 einen Artikel mit dem Titel „Aufruf zur Alternative“ in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht hatte.

Darin steht, dass die ganze Gesellschaft todkrank sei. Es gäbe einen Rüstungswettlauf, eine Umweltzerstörung, eine Wirtschaftskrise und, eine Bewusstseins- und Sinngebungskrise. In der Welt fände eine Zerstörung von

Rohstoffen, Energie und kreativem Vermögen statt. Einerseits werden Menschen krank, weil sie zu viel essen und/oder sich falsch ernähren und anderseits verhungern viele Menschen. Für Joseph Beuys gibt es keinen Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Die Lösung dieser Probleme liegt für ihn im Denken und Handeln des Menschen selbst. Er benutzt hier den Begriff die „soziale Plastik“, den er vom Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, in Anlehnung an den Begriff „sozialer Organismus“ übernimmt.

In gewisser Weise war Rudolf Steiner der Lehrmeister von Joseph Beuys Seine Lehre über die Entwicklungsstufen der Natur: Mineral, Pflanze, Tier und Mensch war für Joseph Beuys eine wahre Inspirationsquelle.

Für Kunsttheoretiker, die nur mit Kunstobjekten etwas anfangen können, ist Joseph Beuys ein schwieriger Künstler. Joseph Beuys zeichnete glücklicherweise auch, und außerdem machte er Objekte. So haben diese Kunsttheoretiker doch noch etwas zu tun!

Danach sprach sie über Eva Durbinsky:

„Wie sehe ich im Hinblick auf Joseph Beuys Eva Durbinsky, die hier im Museum ein großartiges Loch im Dach des Museums gebaut hat?

Die Schlange im ersten Buch Moses verführte Eva und sie verführte nur einen Mann. Eva Durbinsky verführt nicht nur Männer, sondern nun auch jeden   Menschen, der dieses Museum besucht. Damit möchte ich nicht behaupten, dass wir hier im Kunstparadies sind. Sie ist in ihren Arbeiten noch viel extremer als Joseph Beuys jemals gewesen ist. Sie bindet einem toten Hasen keine Stöcke an; sie benutzt und isst keine tierischen Produkte; ihre Werke verschwinden entweder langsamer oder schneller in der Natur oder irgend woanders.

Sie behauptet immer, dass nach ihrem Hingehen ihre noch bestehenden Kunstwerke nicht lange existieren würden. Sie würden denselben Weg gehen, wie ihre Werke und Installationen, die schon gegangen sind. Nicht mehr in Materieform unter uns sein würden.

Ich denke schon, dass sie keine „soziale Plastik“, sondern „spirituelle Plastik“ schafft. Sie möchte die Seele des Menschen berühren und sie auf diesem Wege verändern. Das ist eine ganz große Aufgabe, die sie sich selbst immer stellt.

Nun sehen wir dort im Dach ein großes, wunderschönes   Fenster, das bestimmt nicht rechteckig ist, sondern wunderschön geformt, um uns einzuladen, es sofort zu streicheln. Jedoch auf welcher Weise würden wir dahin kommen? Ich meine, nur geistig wäre das vielleicht möglich. Wir könnten uns natürlich auch von einer Hubarbeitsbühne dahin transportieren lassen.

Die Verglasung sorgt dafür, dass bei einem bestimmten Sonnenstand ein farbenfrohes Kreuz auf dem Fußboden entsteht.

Eine Frage habe ich noch und sie lautet: Steht dieses Fenster nicht im Widerspruch zu dem was sie über ihre Arbeiten behauptet? Dass ihre Werke nicht lange existieren werden. Mir ist klar, dass dieses Fenster ganz lange in unserem Museum behalten bleiben wird.

Einerseits kann man das Fenster als Fenster, wie ein normales Fenster in einem Dach, betrachten. Das Museum würde das Fenster nach dieser Ausstellung bestimmt nicht entfernen. Es würde sich selbst ins eigene Fleisch schneiden, ein Eigentor schießen und das bringt ja ganz und gar nichts. Das Dach ist nun völlig wasserdicht und die Verglasung sitzt in eine unzerbrechliche, lichtechte Doppelverglasung. Also was könnte da passieren, es ist für die Ewigkeit gemacht.

Anderseits sorgt das einfallende Licht für ein berauschendes Farbenmuster auf dem Fußboden und den Wänden. Das ist ja Malerei, die man nur erträumen könnte. Man transzendiert in nicht zu fassende Erlebnisse. Hier ist eine atemberaubende Spiritualität bis ins Jenseits entstanden. Das Museum ist an dieser Stelle ein Gotteshaus geworden.

Ich gratuliere unserer Stadt, unserem Museum und natürlich den Einwohnern unserer Stadt, dass hier solch eine spirituelle Plastik entstanden ist. Das Museum hier wird bestimmt ein Wallfahrtsort für kunstbegeisterte Pilger werden.

Als Letztes möchte ich unserem Baudezernent, unserem Kultur und Kunstdezernent und nicht zu vergessen unserer Oberbürgermeisterin Danke sagen für alles was sie hier geleistet haben. Ohne ihre Bereitwilligkeit, ihr Mitdenken und ihre Solidarität mit der Kunst wäre das Fenster niemals entstanden.“

Die Oberbürgermeisterin war sehr zufrieden über die Rede, besonders darüber, dass sie genannt wurde, denn sie hatte für das Entstehen des Fensters kaum etwas getan.

Der Baudezernent lachte wie ein Scheinheiliger. Er konnte nichts dafür, dass er so wenig Zeit hatte, sich ernsthaft um das Fenster zu kümmern.

Der Kultur und Kunstdezernent lobte seine Kultur und Kunstamtsleiterin in höchsten Tönen. Solch eine Rede hätte er niemals hinbekommen. Ach ja, sie hatte dafür studiert.

Das Museum profitierte in hohem Maße vom Fenster. Die Zeitungen aus dem ganzen Land, aus der ganzen Welt veröffentlichten das ganze Theater rund um die Ausstellung und die feierliche Einweihung des Fensters. Im Fernsehen wurde darüber berichtet … und tausende von Menschen wollten das ganz künstlerisch gestaltete, immer berühmter werdende Fenster bewundern. Letztendlich standen ganze Schlangen von Kunstbegeisterten vor dem städtischen Museum. Die Ausstellung wurde um zwei Monate verlängert und der Kultur und Kunstdezernent rieb sich die Hände bei solch einem Erfolg. Er freute sich so, dass er wieder recht gehabt hatte. Jetzt wusste das ganze   Land, die ganze Welt, was hier in dieser Stadt für die Kunst getan wurde.

Ein Jahr später wurde meine befreundete Künstlerin ins Ehrenbuch der Stadt eingetragen.

Wie oft hörte ich von ihr: „Ich danke dir.“

„Du brauchst mir nicht zu danken. Ich tat es für die Kunst und natürlich auch für dich“, antwortete ich dann.

Danach wurde unsere Beziehung immer tiefer.

Jetzt stand ich im Zelt und wurde von ihr völlig überrascht begrüßt. Sie war also auch hier und wollte vielleicht noch etwas an ihrer Ausstellung ändern.

Wir waren sehr froh einander wieder zu treffen. Umarmten uns und dann war es still. Nach einer Weile erzählte sie mir, dass diese Ausstellung ihre letzte sei.

„Warum?“ fragte ich sie.

„Ich bin schwer krank und werde mich hier auf dieser Welt nicht so lange mehr aufhalten.“

„Oh, oh …“ reagierte ich.

Ich habe noch eine Bitte an dich.

„Diese ist?“ wollte ich wissen.

„Du weißt, dass ich einmal versucht habe, dich zu verführen. Du hast das abgelehnt. Jetzt möchte ich dich nicht mehr verführen, aber du würdest mich sehr glücklich machen, wenn wir einmal zusammen in meinem Bett die Nacht verbringen könnten. Du weißt, wir sind tief miteinander verbunden. Es ist noch einer meiner Wünsche und ich hoffe von ganzem Herzen, dass du ihn mir nicht verweigern wirst.“

Ich war völlig erstaunt und musste sofort an die Kunstsammlerin denken, die all ihre Wände in ihrem Haus voll mit Kunstwerken bestückt hatte. Ich hatte ihr viele Werke verkauft. Sie war krank geworden und als ich mit ihr schlafen wollte, war es zu spät. Sie fühlte sich zu krank um im Bett noch etwas unternehmen zu können.

Nach ihrem Sterben vermittelte ich anderen Personen viele Werke aus ihrer Sammlung. 

Nun dies! Ich sagte ihr, nachdenklich und langsam, dass ich ihr es so bald wie möglich mitteilen würde. Sie schaute mich mit einem traurigen Blick in den Augen an und sprach:

„Dann ist es vielleicht schon zu spät.“

Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte und suchte meinen Terminkalender durch. Ich konnte wohl einige Termine absagen. Dann hörte sie von mir, dass ich sie in einer Woche besuchen konnte. Sie war zufrieden und sagte:

„Das ist in Ordnung. Danke schön.“

Ich kam zu ihr und in der Nacht teilten wir uns ihr großes Bett. Es war wirklich ein Kunstwerk und so groß, dass man sich kaum noch wiederfinden konnte. Bei uns passierte das nicht, denn wir lagen fest aneinander. Ihr Körper fühlte sich trotz ihrer Krankheit noch gut an und in mir spielte The Police:

„No lonely, no lonely, no lonely…”

Sie fragte mich, warum ich damals nicht ja gesagt hatte. Ich antwortete:

„Das weißt du bestimmt noch!“

„Daran erinnere ich mich nicht mehr,“ hörte ich sie sagen.

Ich wusste nicht, ob sie die Wahrheit sprach. Vielleicht war ihr Erinnerungsvermögen nicht mehr so gut.

Ich teilte ihr augenblicklich mit, was ich damals so ungefähr gesagt hatte:

„Ich bin ein ausgebildeter Kunsthistoriker und jetzt Kunstvermittler und Kunstkritiker. Und überzeugt von bestimmten Prinzipien.“

„Weißt du, dass ich mir danach immer noch ein Kind von dir gewünscht hatte und von keinem anderen Mann. Eigentlich reichen fünf Kinder auch, findest du nicht?“ flüsterte sie mir ins Ohr.

„Jetzt sage ich dir nicht mehr Nein. Ich trug dich immer in meinem Herzen mit,“ kam ganz emotional, mit Tränen in meinen Augen, leise aus meinem Mund und wir krochen noch fester aneinander.

Am nächsten Nachmittag wollte ich gehen, aber plötzlich fing sie an, schlimm zu husten und war wackelig auf den Beinen. Ich sorgte dafür, dass sie wieder zurück ins Bett kam und blieb bei ihr.

Der Hausarzt besuchte sie, nachdem ich ihn angerufen hatte. Er kannte ihre Situation gut und bat mich, bei ihr zu bleiben. Das konnte ich nicht ablehnen und so übernachtete ich nochmals bei ihr, aber jetzt in einem anderen Bett in ihrem Schlafzimmer. Ich wusste noch überhaupt nicht, wie lange das wohl dauern könnte.

In den Nächten brachte ich ihr oft etwas zu Trinken. Sie hatte Schmerzen, freute sich, dass ich bei ihr war.

In mir klang immer mal wieder das Lied:

„Gib mir deine Hand und lass mich nicht alleine.

Gib mir deine Hand und lass mich nicht alleine.

Gib mir deine Hand und lass mich nicht alleine …“

Ich ließ sie nicht alleine und hielt so oft wie möglich ihre Hand fest und streichelte sie. Insgesamt war ich drei Wochen bei ihr und dann schied sie dahin, während ihrer Hand in meiner lag. Eine großartige Künstlerin, eine liebevolle Freundin … war verschieden.

In diesen drei Wochen waren wir uns ganz nah gekommen. Wir redeten darüber wie alles anders hätte verlaufen können; über ihre Kunst; ihre Männer, die sie während dieser Tage nicht empfangen wollte – ihre Kinder bekamen Termine um sie zu besuchen. Ja, sie wollte nur allein mit mir sein.

„Mein Leben ist Kunst und meine Kunst ist Leben. Das 

Ende meines Lebens auf dieser Welt gehört auch dazu“, hörte ich, während dieser Zeit oft von ihr.

„Ich bestimme, was jetzt wichtig für mich ist. Du bist Teil meines Lebens.“

Sie erzählte mir, dass sie schon beim Notar ein Testament und eine Vorsorgevollmacht hatte machen lassen.

„Die Ausstellung, auf der wir vor einigen Wochen einander getroffen haben, ist meine letzte Ausstellung gewesen. Während meiner Ausstellungen habe ich immer aktiv eingegriffen, etwas geändert … jetzt geht es nicht mehr und das schmerzt. Nach meinem Leben hier auf dieser Welt dürfen nur noch meine Filme gezeigt und Klanginstallationen gehört werden. All das andere muss zerstört werden, nur das eine Fenster nicht. Ich denke, das geht sehr leicht, denn ich habe ja meistens nur Projekte gemacht, wovon nach einiger Zeit nichts übrigblieb. Falls irgendwo Personen, Museen, Betriebe … noch etwas von mir haben, ja dagegen kann ich nichts machen. Lange werden diese Werke jedoch nicht existieren. Ich weiß, wie schnell das Ende dieser Werke eintreten könnte.“

Wir redeten so am Tage viel miteinander. Und dann war ihr Leben hier beendet. Am nächsten Morgen ging ein Lied durch meinen Kopf. Ein Lied eines Schlagerkaisers – an seinen Namen erinnerte ich mich nicht mehr so gut:

„Aus dem Gleichgewicht bin ich erwacht.

Aus dem Gleichgewicht hast du mich gebracht.

Ja, was hast du doch mit mir gemacht?“

Sie wurde auf einem Naturfriedhof beerdigt. Wenige Leute waren eingeladen worden und wie verabredet, durfte ich eine kleine Rede halten. 

Bald nach ihrem Begräbnis pilgerten viele Leute zu dem Friedhof, aber ihr Grab war nicht zu finden. So wollte sie das. Nur einige Eingeweihte wussten, wo es war.