ROBERT MENASSE - DIE HAUPTSTADT


"Da läuft ein Schwein!" - so fängt das Buch "Die Hauptstadt" von Robert Menasse an. Ja, warum sollte kein Schwein in Brüssel herumlaufen können! Brüssel, die Hauptstadt Europas. In Berlin (die eigentliche Hauptstadt Europas) laufen auch Schweine herum – Wildschweine. Und warum sollte von den insgesamt zwölfeinhalb Millionen niederländischen Zuchtschweinen nicht ein Exemplar die Lust bekommen, auf Reisen zu gehen und sich dann in Brüssel zu verirren?
Was ist "Die Hauptstadt" für ein Buch! Es ist ein politischer Roman mit viel Drama, Humor, Auseinandersetzungen, Intrigen, Mord ... und auch die Liebe wird nicht vergessen.
Eines Tages fährt Robert Menasse nach Brüssel, um herauszufinden, ob er einen Roman über die EU-Bürokratie schreiben kann. Das ist nicht so einfach für ihn. Er fängt dann erst mit einem Essay an: "Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas" – kein Roman, sondern mehr ein Sachbuch. Dieses Buch dient ihm als Fundament für "Die Hauptstadt".

Und was lesen wir in diesen Büchern? Genau gesagt: "Die EU-Büro-kratie ist überhaupt nicht die Bürokratie, wie sie in den Köpfen der normalen Menschen herumgeistert. Dort ist vieles gut organisiert und vieles funktioniert hervorragend. Und es zeigt sich, dass EU-Beamte/Beamtinnen normale Menschen sind: Sie haben Probleme mit Verwandten, mit Alkohol; fühlen sich einsam; haben eine EU-Cycling-Group; verlieben sich; haben Potenzstörungen ...
Robert Menasse ist ein ausgezeichneter Schriftsteller. Wie in einem Eilzug habe ich diese beiden Bücher gelesen, langweilig sind sie bestimmt nicht. Vieles von dem, was in "Der Europäischen Landbote" steht, wiederholt sich in "Die Hauptstadt".
Das Kernthema von ihm ist: "Europa zerbricht nicht an der Europäischen Kommission, sondern an den Nationalstaaten." Er befürwortet ein Europa der Regionen und die Nationalstaaten sollte man als Müll und Gerümpel entsorgen. Für Robert Menasse ist es klar, dass die EU-Kommission kein Schweinestall ist, sondern eine Imageverbesserung braucht.

In "Die Hauptstadt" bekommt ein Österreicher aus Wien (Martin Susman) den Auftrag von seiner Leiterin (Fenia Xenopoulou) – eine zyprotische Griechin, die ihre Beförderung zur Leiterin als Abschiebung erfahren hat – diese Imageverbesserung zum Anlass des sechzigsten Geburtstages der römischen Verträge (die EWG wurde am 25 März 1957 gegründet) zu organisieren. Sie bekommt den Namen: "Big Jubilee Project".
Martin Susman wird es schnell klar, dass er auf die Gründungsparameter der EU zurückgreifen muss. Die Gründer wollten nie wieder Krieg in Europa. Martin Susman sieht Auschwitz als Symbol dafür. Es ist zu erwarten, dass das Projekt scheitern wird. Und das stimmt. Das Projekt stirbt dann auch einen frühen Tod.

Ich mag keine dicken Bücher. "Die Hauptstadt" ist ein dickes Buch und nichtsdestotrotz finde ich, dass das Buch entweder zu dünn, oder doch noch zu dick ist.

Zu dünn:
In "Die Hauptstadt" sind die Hauptpersonen aus den unterschiedlichsten Ländern nach Brüssel angereist gekommen. Zum Beispiel sind drei Personen Österreicher. Für mich sind das zwei zu viel. Der Professor Alois Erhart hätte mir gereicht. Die Brüder Martin und Florian Susman hätten viel besser aus den Niederlanden stammen können. Wunderbare Streitgespräche hätten stattfinden können über:
Wie ist es möglich, dass solch ein kleines Land auf dem zweiten Platz in der Welt von ernährungsproduzierenden Ländern steht. Ja wirklich, das ist eine totale Schweinerei. Und so etwas ist nur möglich, weil da im höchsten Maße Ausbeutung; Tierquälerei; Umwelt-, Wasser-, Boden-, und Luftverschmutzung; Vergeudung von Wasser und Energie stattfindet.
Die Nahrung für die Tiere der E(ier)F(leisch)M(ilch)-Industrie in den Niederlanden kommt bestimmt nicht zu hundert Prozent aus diesem Land selbst. Ich kann also feststellen, dass die Niederlande noch immer eine Kolonialmacht sind. Und Kolonialmächte haben in der Geschichte immer viele Opfer gemacht.

Zu dick:
Robert Menasse hat die unterschiedlichen Erzähllinien wunderbar komponiert. Am Anfang ist es schwierig zu entdecken, wo die hinführen werden. In "Die Hauptstadt" spielt sich auch ein Krimi ab. Was passiert in diesem Krimi? Da wird eine falsche Person erschossen. Man könnte darüber seinen Kopf zerbrechen, ob diese Person entweder die EU und die Kommission, oder den Nationalstaat und damit auch den Europäischen Rat symbolisiert.
Warum die falsche Person erschossen wird, bleibt völlig unklar. Auch, welche Person erschossen wurde. Und weiter bleibt die nicht ums Leben gebrachte Person ein Unbekannter. Wohl, dass die römisch-katholische Kirche und die NATO mit diesem Auftrag wahrscheinlich etwas zu tun hatten.

Für mich hätte Robert Menasse die ganze Krimisache weglassen können. Nichtsdestoweniger hat Menasse aus der Person des Kommissars (Émile Brunfaut) eine malerische Figur – mit Bierbauch, Fußballbegeisterung, Krankheit, unperfektem Charme ... – gemacht.
Und natürlich wird auch die Flüchtlingsproblematik nicht vergessen. Martin Susmans Bruder ist unterwegs nach Budapest, wo er eine Ver-sammlung des Verbandes der europäischen Schweinezüchter besuchen möchte. Mitten zwischen den Flüchtlingen verunglückt er und wird, bevor er in einem Krankenhausbett liegt, noch auf offener Straße liegend, in den Armen einer Maria Magdalena (einer Zuwanderin) fotografiert. Das Bild geht natürlich um die ganze Welt.

Eine schöne Symbolik gibt es in "Die Hauptstadt" als der emeritierte Professor Alois Erhart das Mausoleum der ewigen Liebe besuchen möchte. Er sucht erst auf dem falschen Friedhof, aber ein Totengräber sagt ihm, wo er das Mausoleum finden kann, wohl auf einem anderen Friedhof. Er geht dahin und sieht, dass vom Mausoleum ein Trümmer-haufen übriggeblieben ist.
Das Mausoleum war von einem Baron aus Brüssel für seine jung gestorbene Frau gebaut worden. Dieser Baron hatte sich bei einer Reise in Belgisch-Kongo schwer verliebt in eine schwarze Frau. Er nahm sie mit nach Brüssel. Nach vielen Schwierigkeiten heirateten sie. Im Jahr 1910, starb diese Frau nach der Todgeburt ihres Sohnes.
Der tieftraurige Baron ließ zur Erinnerung seiner Frau, im Dach des Mausoleums ein Fenster einbauen. Und so, dass immer am Todestag seiner Ehefrau das Tageslicht eine Herzform auf ihrem Sarkophag bildete.
Alois Erhart ist natürlich schwer enttäuscht über das, was er dort sieht. Wie konnte so etwas mitten in Europa geschehen, ein Symbol der Liebe verwandelt in eine Bruchbude? Armes Europa!

Im Übrigen hätte Robert Menasse die Person Alois Erhart besser nicht auf der Bühne des Thinktanks "New Pact for Europa" – zur Gestaltung einer neuen EU – erscheinen lassen können. Die Personen dieses Thinktanks sind nur arrogante Nichtsnutzer. In den Versammlungen dieses Thinktanks trägt Alois Erhart – wie ein Robert Menasse-"Klon" – seine Vorlesungen vor.

Und wie endet das Buch?
Am 22.03.2016 findet der Anschlag von Moslem-Extremisten am U-Bahnhof Maalbeek in Brüssel statt. Robert Menasse benutzt dieses Ereignis. In "Die Hauptstadt" sterben bei diesem Anschlag vier Hauptpersonen: der demenz-kranke David de Vriend – er hatte Auschwitz überlebt, und Robert Menasse schildert de Vriends Geschichte tiefgreifend – die frustrierte Fenia Xenopoulou, der sympathische Martin Susman und der altmodische Alois Erhart.
Der Killer im Krimi des Buches "Die Hauptstadt" – Ryszard/Mateusz/-Matek Oswiecki – war schon bei einem Zugunfall in Polen ums Leben gekommen.
Zusammengefasst: In "Die Hauptstadt" spielt der Tod also die wichtigste Rolle!

ROBERT MENASSE - DER EUROPÄISCHE LANDBOTE. DIE WUT DER BÜRGER UND DER FRIEDE EUROPAS – PAUL ZSOLNAY VERLAG WIEN 2012
ROBERT MENASSE - DIE HAUPTSTADT - SUHRKAMP VERLAG BERLIN 2017
ROBERT MENASSE - DE HOOFDSTAD - DE ARBEIDERSPERS AMSTERDAM 2018

 

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