JENNY ERPENBECK – GEHEN, GING, GEGANGEN

Das Buch fängt an mit Richard – einem Philologen. Seine Frau ist vor fünf Jahren gestorben. Seine Geliebte hat ihn im Stich gelassen. Und er ist gerade als Professor in Rente gegangen. Nun muss er sich selbst neu erfinden.
Richard wohnt an einem See – es könnte der Müggelsee sein. Im Sommer ist in diesem See ein Mann ertrunken. Seitdem passiert dort nichts mehr. Oder es muss ein Fremder sein, der da ins Wasser taucht und keine Ahnung hat, was dort passiert ist. Hier verpasst Jenny Erpenbeck dem Leser einen Denkzettel. Im Mittelmeer sind schon tausende Flüchtlinge ertrunken, nichtsdestoweniger schwimmen die Deutschen dort noch sehr gerne.
Als Richard eines Tages Fernsehen schaut, wird ihm bewusst, dass auf dem Alexanderplatz Flüchtlinge einen Hungerstreik angefangen haben. Nachmittags war er dort noch gewesen. Ein Freund von ihm – ein Archäologe – hatte ihn eingeladen, um die Ausgrabungen am Alexanderplatz zu besichtigen. Dass dort am Platz auch hungerstreikende Flüchtlinge sich niedergelassen hatten, das hatte Richard nicht so bewusst mitbekommen.
Einige Tage später wird im Fernsehen berichtet, dass die Flüchtlinge vom Alexanderplatz verschwunden sind – vielleicht sind sie zum Flüchtlingszeltlager am Oranienplatz zurückgegangen. Richard bekommt das mit und möchte gerne wissen, wo die Flüchtlinge geblieben sind. Allmählich geht er auf die Suche und kommt in Kontakt mit den Flüchtlingen. Er versucht ihnen auf seine Art und Weise zu helfen. Und das ändert sein Leben völlig.

Die Frage, welche man sich schon schnell stellt, ist jene, wer in diesem Buch die Hauptperson spielt. Eine klare Antwort bekomme ich von Jenny Erpenbeck nicht.
Bezüglich eines Romans hat man doch im Großen und Ganzen immer mit einer Dreiecksbeziehung zu tun: Schriftsteller/in – Erzähler/in im Buch – Hauptperson/en. Anscheinend ist das in diesem Buch für Jenny Erpenbeck ein unüberwindliches Problem.
Ist entweder Richard die Hauptperson oder sind die Flüchtlinge die Hauptpersonen? Richard auf der Suche nach seiner Identität - die Flüchtlinge in ihrem aussichtlosen Zustand.
Hätte man das anders lösen können?
Ich denke schon. Jenny Erpenbeck hätte ihre sehr rationale, buchhalterische Schreibweise verlassen müssen und allmählich eine mehr herzgeprägte Perspektive entwickeln können.
Zum Beispiel – ich beschreibe hier nur eine Möglichkeit:
Irgendwo im Buch verliebt Richard sich in die dunkelhäutige Deutschlehrerin – eine Äthiopierin. Diese Frau versucht Flüchtlinge zu helfen, Deutsch zu lernen. Sie bekommt dabei Unterstützung von Richard.
Und dann später im Buch ist diese Frau plötzlich aus seinem Leben verschwunden. Jenny Erpenbeck lässt Richard nichts unternehmen, die Frau zurückzufinden. Das hätte doch ganz anders aussehen können.
Richard hätte sich bis zum Äußersten anstrengen können, sie in sein Leben zurück zu bekommen. Und als es endlich passiert, wird sie gerade am Flughafen abgeschoben.
Es wäre nicht Sommer, sondern Winter. Der See könnte zugefroren sein. Richard käme total traurig und durcheinander nach Hause. Es schneite. Draußen in der Nähe seines Hauses verirrte er sich, landete auf dem See und käme niemals zurück. Jetzt könnte er dem schon ertrunkenen Mann Gesellschaft leisten. Beide wie ein Mahnmal für die schon ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer.

Was möchte ich noch mehr über dieses Buch erzählen:
# für mich hatte es viel zu viele Seiten. Ich hatte Mühe, das Buch zu Ende zu lesen;
# es interessierte mich doch ganz und gar nicht, was Richard so im Supermarkt kaufte; was er aß ... und immer mal wieder wurde so vieles aufgelistet, bis zur Aufzählung der Verteilung der Flüchtlinge über Kirche, Freunde usw. Und es ist dann doch unglaubwürdig, dass Richards Haus von vielen Flüchtlingen mitbewohnt wird;
# ich wurde aufgerufen zu spenden. Am Ende des Buches wurde eine Kontonummer vermeldet, ohne mir zu sagen was Jenny Erpenbeck selbst gespendet hatte. Sie hätte mir doch mitteilen können, dass von jedem verkauften Buch ein Euro gespendet werden sollte;
# irgendwo war Jenny Erpenbeck eine Hellseherin. Sie hatte GEHEN, GING GEGANGEN schon längst fertig, bevor in 2015 die Flüchtingswelle Deutschland überschwemmte;
# man darf Jenny Erpenbeck als Informationsvermittlerin doch wohl sehr dankbar sein;
# falls man Erdkunde, Erzählungen aus der antiken Kultur, Situationen von Flüchtlingen in Deutschland, das Funktionieren von Behörden da ... mag, dann sollte man das Buch unbedingt lesen.

Zusammengefasst:
Für mich ist GEHEN, GING, GEGANGEN ein gescheiterter Roman. Jenny Erpenbeck hätte meiner Meinung nach viel mehr Emotionen Gefühl, Herz, Leidenschaft .., statt so viel Aufzählungen, Buchhalterei, Verstand ... in ihr Buch stecken können. Ein echter Roman, ein echtes Kunstwerk ist es niemals geworden.

JENNY ERPENBECK – GEHEN, GING, GEGANGEN – KNAUS-VERLAG – 2015

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